Webspecial #3 

Mai 2016 / Portrait Gabrielle Brunner

Zum Eigentlichen zurück kommen: die Komponistin Gabrielle Brunner

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Von Christine Fischer - Nachdem sie sich als renommierte Geigerin sowie auch als Konzertveranstalterin und Lehrerin verdient gemacht hat, tritt Gabrielle Brunner beim Lucerne Festival 2016 sehr prominent mit einer weiteren Karrierefacette an die breite Öffentlichkeit: Ihr Klaviertrio Spyros wird am 10. September uraufgeführt.

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/spyros-klaviertrio/103

Zur musikalischen Autorschaft hat sie erst spät gefunden. Die Geigerin Gabrielle Brunner bezeichnet ihren Werdegang als Komponistin denn auch unumwunden als verzögert: «Ich wusste lange gar nicht, dass das Bedürfnis, mich musikalisch auszudrücken so stark in mir angelegt war. Ausschlaggebend war, dass ich mich als Musikerin ein Stück weit unvollständig empfand – trotz intensiver Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik. Dieser Verunsicherung bin ich nachgegangen. Und zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste ist, Komposition zu studieren. Damit ich verstehe, wie es funktioniert, Musik zu erfinden. Was es wirklich bedeutet, das von innen heraus zu begreifen und nach aussen zu kehren.»

Nach zahlreichen erfolgreichen Aufführungen ihrer Kompositionen, wie ihrem Klarinettentrio (2009), dem Concerto grosso für Violine, Cello und Orchester (2015, https://www.youtube.com/watch?v=FSbImZ1vHIw ), Sieben Szenen eines Abschieds für Sopran und Kammerensemble (2013) blickt sie dankbar auf ihre Studienzeit in Zürich bei Daniel Glaus zurück:

«Mit ihm habe ich gelernt, musikalisch in mich hineinzuhören. Dadurch gingen immer neue Türen auf, haben sich immer neue Quellen erschlossen. Der Humus musste im Inneren neu angesetzt werden. Es war eine unglaublich inspirierende Zeit.»

Dass Brunner dabei in der Musikszene bereits als Interpretin fest verankert war, beschriebt sie als ungeheuren Vorteil: Sie bekam von Anfang an Aufträge und ihre Werke wurden gespielt.

Die Mutter als Geigerin und der Vater als berühmter Klarinettist gaben ihr den wichtigen breit angelegten kulturellen Hintergrund mit, von dem sie zehrt, den sie bis heute als ihren «Resonanzraum» bezeichnet:

«Grosse Erneuerer wie Lachenmann, Stockhausen, Nono, Boulez und viele andere  hörte ich täglich und was damals als geradezu skandalös galt, nämlich die bewusste Destruktion des gewohnten Tonerbes, war für mich das absolut normalste, es war einfach da. Als ich später selbst zu komponieren anfing, hätte ich mich dieser inzwischen etablierten Sprache der Geräusche einfach bedienen können. Doch ich habe mir bewusst die Beschränkung auferlegt, zunächst zu lernen, mich in einer tonalen Sprache auszudrücken.»

Dabei betrachtet Brunner die Musikgeschichte als reiche Inspirationsquelle, von den Meistern des Barocks und der Klassik über Robert Schumann, Alban Berg, und die klassischen Modernen bis hin zu Ustvolskaja, Gubaidulina, Rihm, Kurtag und vielen anderen: «Ich denke, die grundlegenden Problematiken sind gleich geblieben: Themen wie Spannung und Entspannung, Aufbrechen, ein Durchbruch. Ich frage mich beispielsweise immer wieder, warum ein scheinbar simples Thema von Joseph Haydn eine Welt öffnet, während ein ganz ähnlich angelegtes keine Wirkung entfaltet. Und plötzlich eröffnet sich einem diese winzig kleine Gesetzlichkeit, die den Unterschied ausmacht. In dieser Einstellung sind Helmut Lachenmann und Bernd Alois Zimmermann, wie auch mein ehemaliger Lehrer Daniel Glaus für mich massgeblich: Dass man nie aufhört, zum Eigentlichen zurück zu kommen und schöpferisch zu reflektieren.»

So setzt Gabrielle Brunner in ihren vielfältigen Kompositionen  bisher auf die klassischen Instrumente und verarbeitet verschiedene Anregungen zur tonalen Organisation der Klänge. Dabei orientiert sie sich auch an einem inneren Schönheitsbedürfnis: «Natürlich mache ich auch Dinge, die den Klang brechen. Aber ich würde nicht sagen, der dekonstruktive Ansatz sei meiner. Der Klang, die innere Sprache muss etwas haben, das für die Menschen übersetzbar ist.»

Doch sie benutzt auch dies als Anregungen zu vertiefter Auseinandersetzung, nicht als gemütlich eingerichtetes Rückzugsgebiet. Das wird deutlich, wenn sie auf ihre jüngste Komposition, ein Stück für Bratsche solo, zu sprechen kommt: «Im dritten Satz habe ich, inspiriert von Rihm’s Solostück Über die Linie VII, den Versuch einer längeren Melodieführung unternommen. Ich denke, dass sich die Kraft des Empfindens durch die Linie überträgt, über das Lyrische, das Sanghafte. Ich fürchte mich vor Konstrukten, die zu einer Form von intellektueller Bequemlichkeit führen, weil die Emotion aussen vor bleibt. Mit einer Klanglinie dagegen steht man ungeschützt im Raum. Man muss sich damit auseinandersetzen, wie es «wirklich» weitergehen soll. Einen spielerischen Mechanismus als solchen musikalisch bis zum Ende durch zu exerzieren, muss auch in einem dramaturgischen Rahmen stimmen, ansonsten fällt es mir schwer.»

Die Texte, die Gabrielle Brunner für ihre Kompositionen heranzieht, könnten unterschiedlicher nicht sein: frühe spirituelle Texte stehen neben Anna Achmatova und Erika Burkart. Gefragt nach dem Moment, das im Text die Musikalisierung in ihr auslöst, erwidert sie spontan, ein Text müsse ein «Drama» haben. Sie beschreibt dazu einen stockenden Schaffensprozess an ihrer Zykluskomposition Lema auf apokryphe biblische Texte. Die Blockade löste sich, als Brunner auf einen Text stiess, den sie auf den Grundkonflikt zwischen einem durch Lüge und Machtvorschriften aufgebauten politischen Apparat und Intellektualität sowie Spiritualität rückführte: «Das Leugnen, das Aufbauen einer grossen Lüge, die Rigorosität, mit der Inhalt und Kreativität überdeckt werden, um ein politisches Ziel zu erreichen; der Aspekt, wie Menschen angesichts einer solch unmenschlichen Übermacht zu sich selbst irre gemacht werden, liess mich sofort eintauchen und die Musik entstand wie von selbst.»

Mit einem Eindruck vom Besuch des Wiener Stephansdoms überführt sie dieses Grundmoment ihres Schaffens denn auch geradewegs in den Bereich der bildnerischen Künste: Wenn Brunner davon spricht, wie der kleinste überlieferte Ausschnitt der Fresken aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts so viel mehr Spiritualität und Emotion zu vermitteln imstande war als die übermächtige, prachtvolle barocke Ausstattung es je hätte tun können. Dass Brunner selbst auch malt, überrascht vor diesem Hintergrund ebenso wenig wie ihre ganz unspektakulär getätigte Aussage, sie höre Farben und male Musik.

Und auch sehr viel konkreter schlägt sich Brunners Affinität zur Bildenden Kunst in ihrem Schaffen nieder: In eben jenem Lema-Zyklus zu den «Nebenfiguren» der Kreuzigung, der während der Karfreitagsliturgie über mehrere Jahre in Köniz aufgeführt wird, spielt die Bildende Kunst, vertreten durch Bilder des Künstlers Fred Baur, eine entscheidende Rolle – ebenso wie die Einbettung von Brunners Musik in den alle Sinne beanspruchenden Gottesdienst.

http://www.kirche-pilgerweg-bielersee.ch/startseite/gottesdienste/lema-i-vii.html

http://www.srf.ch/sendungen/radiogottesdienst/evangelisch-reformierter-gottesdienst-aus-der-kirche-ligerz-lema-iii

Nähe, Ferne, Tod und Einsamkeit  – es sind die «grossen» Fragen des Lebens, die Brunner mit ihrer Musik berührt. Und die Komik, die Leichtigkeit?

«In meinen Bagatellen für Violoncello piccolo, zwei Celli und Kontrabass von 2014 habe ich mich dem angenähert – keine einfache Sache, die mich aber ungeheuer reizte. Auch angeregt durch die Lektüre von Stephane Mallarmé.»

Also eine Zukunftsperspektive darauf, was wir von Gabrielle Brunner noch zu hören bekommen werden – ebenso wie die Annäherung an noch grössere Formen, an Sinfonie-Besetzungen und auch Oper: «Ich lese gerade David Grossmanns Romane mit Begeisterung und stosse darauf, wie sehr Inhalt und Form miteinander verknüpft sind, sich geradezu bedingen. Es reizt mich ungemein an die grössere Form zu gehen. Auch die antiken Tragödien helfen mir dabei, diesen Zusammenhang auszuloten – nicht im Sinne einer starren Vorgabe, sondern im Sinne eines Miteinanders von Form und Inhalt.»

Man darf gespannt bleiben!

https://soundcloud.com/gabrielle-brunner

Demnächst zu hören:

http://www.klanglichter.ch/skandinavien/