Webspecial #2

April 2016 / Porträt Cathy van Eck

Der Körper komponiert die Musik

von Anja Wernicke - Gibt es Musik ohne Körper? Das schien lange Zeit undenkbar. Der Klangkörper des Instruments oder der menschliche Körper selbst waren stets nötig, um Musik zu erzeugen. Erst seitdem es elektronische Musik gibt, ist Klangerzeugung auch vollkommen ohne Körper möglich.

Eine Künstlerin, die sich mit diesem Spannungsfeld zwischen Klang, Körper und Elektronik beschäftigt, ist Cathy van Eck.

2015 war sie eine von 14 Nominierten für den Schweizer Musikpreis. Die Jury charakterisierte den Kern ihrer Arbeit mit der musikalischen Erforschung von «Wechselwirkungen zwischen Alltagsobjekten und Menschen» sowie «Möglichkeiten, Lautsprecher und Mikrophone als Musikinstrumente einzusetzen». Indem sie  Alltagsobjekte in ihr Schaffen einbezieht, legt Cathy van Eck bei manchen ihrer Werke eine gesellschaftliche Kritik an, manchmal ebenso etwas Groteskes, ja Absurdes.

Cathy van EckCathy van Eck war 2015 für den Schweizer Musikpreis nominiert.

Performative Klangkünstlerin

1979 in Holland geboren, erhielt Cahty van Eck dort zunächst eine klassische Musikausbildung in den Fächern Klavier und Oboe. Früh gehörte es für sie selbstverständlich zum Unterricht, jede Woche eine kleine Komposition zu einem vorgegebenen Thema abzuliefern. Heute zeichnen sich ihre Stücke nicht mehr dadurch aus, dass sie mit dem Stift aufs Papier gebannt werden und dann von einer MusikerIn interpretiert werden. Vielmehr versteht sich van Eck, die seit 2007 als Dozentin im Studiengang Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern arbeitet, heute als performative Klangkünstlerin. Oft entwickelt sie Konzept-Stücke mit installativem Charakter, in denen sie selbst als Performerin auftritt. Oder sie bezieht die Körper der MusikerInnen oder Zuhörenden mit ein und stellt so auch die Rollenverteilung zwischen PerformerIn, Musik und Rezipierenden in Frage.

Van Eck erklärt im Gespräch: «Mein jüngstes Projekt läuft über Kopfhörer. Das Publikum ist zugleich auch MusikerIn. Der Herzschlag wird abgenommen und anstatt Musik einfach durch die Ohren in den Körper zu speisen, verursacht der Körper selbst die Musik. Den Herzschlag, die Beinbewegungen und wahrscheinlich auch das Drehen des Kopfs nehme ich ab. Das wird alles über einen Sensor und das Interface in den Computer geschickt und steuert von da aus die Musik. Je nachdem ob das Herz schneller oder langsamer schlägt, je nachdem ob sich die Person schneller oder langsamer bewegt.»

Der Körper wird wieder relevant in der elektronischen Musik

Die Körper der ZuhörerInnen werden in diesem Projekt, das aktuell noch keinen Titel hat und sich in der Testphase befindet, also selbst zu einer entscheidenden Mitspielern der Performance gemacht. Was zu hören ist, sind zwar letztlich die vorkomponierten Klänge der Komponistin. Doch über die Geschwindigkeit und Intensität, mit der sie abgespielt werden, entscheidet das Publikum. So erlebt jede ZuhörerIn ihre individuelle Performance. Van Eck bringt den Körper als entscheidenden Impulsgeber in die elektronische Musik zurück: «Statt unseren Körper von der Musik beeinflussen zu lassen, komponiert unser Körper die Musik. Oft wird ja gesagt, dass Musik einen Puls oder einen Rhythmus brauche. Und damit ist ein gleichmässiger, leicht nachvollziehbarer Rhythmus gemeint. Ich drehe das hier einmal um.»

12189677_918811914840356_8976811183499633512_n.jpgMensch und Lautsprecher als Einheit: Das Ensemble Tzara bei der Aufführung von Cathy van Ecks Backoffice.

Doch auch Ensembles bestellen bei ihr Neukompositionen. Wie zuletzt das Ensemble Tzara. Im November 2015 führten sie das Stück Backoffice auf, in dem drei Performer mit Herzpulsmessern sowie der Puls der Finanzwelt die Hauptrolle spielen.

Herzschlag des ungeboren Kindes

Diese beiden Projekte sind nicht die ersten, in denen Cathy van Eck mittels Kontaktmikrophonen Körperklänge integriert. Es trägt darum auch deutlich geschlechtsspezifische Züge, die eine Antwort darauf andeuten mögen, ob Weiblichkeit einen Unterschied beim Komponieren ausmachen kann: Das Werk Double Beat entwickelte von Eck, als sie schwanger war. Darin nimmt sie ihren eigenen Herzschlag sowie den Herzschlag ihres Kindes ab. Auch so wird durch die vermeintlich körperlose Technik ein organischer Vorgang hörbar gemacht. Während diese Werke sich mit den Details des menschlichen Körpers befassen, haben frühere Werke wie Hearing Sirens sich mit dem Klang ganzer Städte beschäftigt. Die Performance sieht nicht nur poetisch aus: Cathy van Eck läuft mit überdimensionalen Trichtern auf den Armen, in denen Lautsprecher montiert sind, über verschiedene öffentliche Plätze. Auch die Idee dahinter hat eine eigene Poesie. Denn van Eck bringt Geräusche, die im Laufe der Geschichte der Stadt Bern verboten wurden wie Teppich-Ausklopfen oder Hundebellen zurück in die Stadt. Dass ausgerechnet solche harmlosen Geräusche verboten wurden, klingt für uns heute absurd. Cathy van Eck interessiert sich typischerweise gerade für solche subtilen Absurditäten. Denn viele ihrer Werke beinhalten eine groteske oder humoristische Note, wie auch das Stück Groene Ruis – for a sounding tree, a hair dryer and live electronics. Sie hat hier einen kleinen Baum in einem Blumentopf elektronisch so präpariert, dass sie ihn mit ihren Fingern oder einem Föhn zum  Klingen bringen kann.

bild_s8.jpgCathy van Eck bringt in Hearing Sirens verbotene Klänge zurück in die Stadt.

 

Video zu Klangverordnung von Cathy van Eck

 

Über den Einsatz von Humor sagt van Eck:
«Ich nutze Humor nicht sehr bewusst. Er stellt sich von selbst ein oder nicht. Mir ist es zwar wichtig oder ich freue mich, wenn ich merke, dass so etwas entstanden ist. Beim ersten Mal als ich das mit der Pflanze aufgeführt habe, war ich recht schockiert, dass die Leute gelacht haben. Ich hatte nie daran gedacht, dass es komisch aussehen könnte, wenn man den Haartrockner an die Pflanze hält.»

groeneruis7-304x228.jpgCathy van Eck spielt auf der Pflanze in Groen Ruis.

 

Video von Groene Ruis – for a sounding tree, a hair dryer and live electronics von Cathy van Eck

 

Auch van Ecks jüngstem Werk Cheerers & Leaders (2016)  das sie für Lara Stanic geschrieben hat, wohnt etwas Groteskes inne. Im Mittelpunkt stehen silbrig glänzende Cheerleader-Puscheln. Schon lange sei der Komponistin die Idee durch den Kopf gegangen, einmal eine Arbeit zum Thema Beifallrufen zu machen. Als die Performance-Künstlerin Lara Stanic bei ihr ein neues Werk bestellte, war die Gelegenheit gekommen. Mit je einem Sensor am Oberarm ausgerüstet löst Stanic in der Cheerleader-Performance die vorproduzierten Klänge mit ihren Gesten aus. Sie reckt die Arme in die Höhe oder schüttelt die Puscheln vor dem Oberkörper.

Um Emotionen geht es Stanic dabei weniger. Sie interpretiere die Strichmännchen-Choreographie der graphischen Partitur frei von jeder Theatralität. «Es geht um die Klänge, nicht um die Bedeutung der Wörter. Statt ,Hurra' könnte ich letztlich auch ,Lampe' rufen», auch wenn sich dadurch strenggenommen die Klanglichkeit ändern würde. Trotzdem oder gerade wegen dieser Emotionslosigkeit hat die Performance eine überraschende Leichtigkeit und entfaltet eine subtile, skurrile Komik. Stanic schätzt besonders «den spielerischen Umgang mit der Elektronik» an Cathy van Ecks Schaffen.

P1000303.JPGDie Performerin Lara Stanic in Cheerers and Leaders (2016).

Dieses Spielerische, dieses Umdeuten von scheinbar vorgegebenen, macht ihr Werk aus. Doch Cathy van Eck ist auch eine kritisch Hinterfragende. An der Zürcher Hochschule der Künste forscht sie zum Thema Kopfhörer im öffentlichen Raum. Es geht dabei um

Wahrnehmungsprozesse, die vom Hören mittels Kopfhörern geprägt werden und gleichzeitig über das Hören hinausgehen, weil sie auch «visuelle und taktile Wahrnehmung sowie das Empfinden von Körper, Raum und Zeit einschliessen». Ziel sei es, anhand der Untersuchung der durch Kopfhörer ermöglichten Wahrnehmungen zu analysieren, wie sich Akteure öffentlichen Raum aneignen und ihn herstellen.

Einmal mehr schlägt hier ihr Interesse für die körperlichen Wirkungen der vermeintlich körperlosen Musik durch. Cathy van Eck geht es in ihrer Arbeit, ob als Komponistin, Klangkünstlerin oder Forscherin letztlich immer um die Beziehung zwischen dem Menschen und der «Maschinenmusik». Musik ohne Körper, in Cathy van Ecks Schaffen ist das keine Option.