Webspecial #1

August 2015 / Portrait Annette Schmucki

Abseits vom Mainstream Texte komponieren

Die Komponistin Annette Schmucki hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Sprache und Musik beschäftigt. In diesem Jahr ist sie für den Schweizer Musikpreis nominiert.

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Von Anja Wernicke – Wir tun es Tag für Tag, selbstverständlich, fast gedankenlos automatisiert: sprechen. Wir hören das Wort «Baum» und wissen was gemeint ist. Oder doch nicht? Laubbaum oder Nadelbaum? Klein oder gross? Dick oder dünn? Unsere Alltagssprache gibt oft vor absolut zu sein und ist gleichzeitig doch sehr unpräzis. Diese Überlegungen gehen der Kompositionsarbeit von Annette Schmucki voraus. Sie sagt: «Sprache ist eine scharfe Unschärfe und Musik ist eine unscharfe Schärfe». Damit meint sie, dass Musik zwar im Unterschied zur Sprache begriffslos ist, aber in ihrem Ausdruck trotzdem den Nagel auf den Kopf treffen kann. Eine Sprache, die man zunächst mal lernen muss und die zudem ständig im Wandel ist, hat nicht die unmittelbare Wirkung von Musik, auch wenn diese von Prägung und Einstellung des Hörenden abhängt.

Im Dazwischen der Wörter
Sprache wird bei Annette Schmucki zur Musik: Wie mit einer feinen Pinzette seziert die Komponistin in ihren Stücken die alltägliche Handlung des Sprechens und komponiert die Einzelteile zu einem neuen, «klingenden Text». Die Arbeit an der Grenze zwischen Musik und Sprache, das Vexierspiel zwischen Sprachrhythmus und -melodie sowie einem unterschwelligen Bedeutungschaos ist zu ihrem Markenzeichen geworden. In ihrem neuesten Projekt führt sie diese Auseinandersetzung ins Extreme. Denn dabei wird es nicht mal mehr ein klangliches Produkt geben, sondern ganz allein einen Text, durch den beim Lesen die Musik einzig im Kopf entsteht. Schmucki plant dabei keine lineare, narrative Geschichte zu schreiben und möchte auch keine Lautpoesie erschaffen. Vielmehr interessiert sie sich für assoziative Wort-Listen und was zwischen zwei Wörtern passiert, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Ihr Verhältnis zur Sprache hat sich durch diese Arbeit verändert: «Für mich ist klar, dass Sprache gemacht ist. Wir können sie nicht einfach so pflücken. Sprache ist dauernd im Wandel und wir formen sie mit. In der Alltagssprache interessiert mich zuzuhören, wie meine Kinder sprechen, wie man einzelne Wörter benutzt. Wenn man so intensiv mit Sprache arbeitet, kann man nicht mehr über alles hinwegplappern, man merkt, dass es verschiedene Arten gibt Sprache zu gebrauchen. In meiner Familie, in meinem Freundeskreis wird sehr viel mit Sprache gespielt. Da ist man aufmerksam, welches Wort einem da entgegenkommt.» Als Komponistin interessiert sich Schmucki natürlich besonders für den Rhythmus und Klang der Sprache. Aber auch die Bedeutung spielt eine Rolle, wenn sie beispielsweise mit einem französischen Wort arbeitet, dessen Bedeutungsspektrum besser ins Konzept passt als das deutsche Pendant. Oft trifft man Wortspielerrein an, wenn sie zum Beispiel zwei Wörter nebeneinander stellt, die zwar ähnlich tönen, aber etwas anderes bedeuten.

Der Klang entlegener Sprachen
Auch in den Hörstücken, die sie mit Reto Friedmann, einem Radio-Journalisten aus Zürich unter dem Kollektiv-Namen blablabor entwirft, geht es um eine solche Musik-Sprach-Forschung. Schmucki spricht davon, dass sie die Texte für diese Hörstücke gemeinsam mit Friedmann nicht schreibt, sondern komponiert. Dabei gehen sie von einzelnen Wörtern aus und wenden verschiedene Verfahren an. Vor 15 Jahren lernten die beiden sich kennen, als sie gemeinsam ein Werk für die Oper Zürich schreiben wollten. Doch ihre Herangehensweise war für das Haus dann wohl doch zu experimentell. Hört man auf der Website (www.blablabor.ch) in die Werke hinein, kommt einem ein Kauderwelsch von unverständlichen, übereinandergeschichteten Sprachen entgegen, das eine mehrdimensionale Musik entstehen lässt. Blablabor arbeitet oft mit Sprachen, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen haben wie Japanisch, Kurdisch oder Tamil. Muttersprachler, die zum Teil die Texte selbst geschrieben haben, sprechen sie ein. «Ich selber kann nicht viele Sprachen, ich bin kein Sprach-Genie. Aber ich finde es spannend Menschen mit ganz entlegenen Sprachen hinzuzuziehen. Das gibt dann ganz andere Bilder, Strukturen, Rhythmen und Klänge. Das zu hören ist auch rein musikalisch einfach schön. Wir versuchen dann sozusagen zu übersetzen, Dinge die man eigentlich nicht übersetzen kann. Uns interessiert, wo da eine Ähnlichkeit wäre und wo es Unterschiede im Brauchen desselben Wortes gibt.» Für die Zuhörer_innen tritt die Bedeutung der Worte im üblichen Sinne dabei zurück und wirkt nur noch wie ein schimmernder Schleier. In diesem Flackern liegt die Poesie der Werke von Schmucki, die wie in einem unbestimmten Dazwischen entsteht. Inspiriert dazu hat sie zu einem Grossteil das Werk des rumäniendeutschen Lyrikers und Übersetzers Oskar Pastiors, der zu den ersten Schöpfern experimenteller Literatur zählt. Im Stil des Dadaismus und mit einer grossen Verspieltheit löste er Sprache von Grammatik und Semantik ab und offenbarte in der Auflösung des Sinnzusammenhangs den Klang der Worte. Der mündliche Vortrag war für ihn dabei ein wichtiger Bestandteil seines Werkes. Das Gedicht gaumendüngung ist ein Beispiel seiner lyrischen Laut- und Wortmalerei: «ei ei ihr von stühler pulpe/ daktylische pocken auf sylts/ kaleidoskopalen mulden/ hellastischer illustration»

Zeit aushebeln
Schmucki wendet dieses Verfahren nicht nur auf Texte, sondern auch auf Musik an. Sie dekonstruiert die gewohnten musikalischen Abläufe wie in ihrem jüngsten Instrumentalstück Ein Tag, das vom Absolut Trio (Bettina Boller, Violine; Judith Gerster, Violoncello; Stefka Perifanova, Klavier) und der Sopranistin Eva Nievergelt Anfang 2015 uraufgeführt wurde. Hier gibt es einzelne Patterns, kurze Sequenzen, die sich wiederholen, denn Schmucki wollte in dem Stück mit Strukturen von Gezeiten arbeiten. Beim Hören wirkt es wie ein Rad, dass ab und an ins Rollen kommt und dann doch plötzlich wieder stillsteht. Die Musik hat zwar einen durchlaufenden Puls, der jedoch immer wieder unterbrochen wird und die Musik so ins Stocken geraten lässt. Schmucki interessierte beim Komponieren die Musik als Zeitmedium und der Versuch die Wahrnehmung von Zeit zu verändern. Sie wollte in Ein Tag viele Übergänge gestalten: «Alles ist darin Übergang», kommentiert sie. Schmuckis Kompositionen sind abstrakt, zu weilen klingen sie spröde. Übergriffige Musik, die Stimmungen aufzwingt wie die von Richard Wagner oder auch von Popsongs, die einen sofort zum Weinen bringen, sind ihr suspekt. Sie möchte es lieber den Rezipient_innen überlassen, was sie in ihre Musik hineinlesen. Musik zum Selbstzweck gibt es bei ihr nicht. Die Stücke sind feingliedrig und mit Bedacht konstruiert.

Abseits vom Mainstream
Obwohl Annette Schmucki zahlreiche Aufträge von renommierten Ensembles und Festivals erhalten hat, entzieht sie sich auch dem Neue Musik Markt. In dem Dokumentarfilm «hagel und haut» von Urs Graf, der das Entstehen des gleichnamigen Stücks für das Collegium Novum Zürich begleitet hat, kann man beobachten wie intensiv sie mit einer Komposition über mehrere Monate kämpft. Oberflächlichkeit oder achtlos Hingeworfenes findet man bei ihr nie. Sie ist keine Vielschreiberin, passt sich nicht der Nachfrage an. Den Begriff «Neue Musik» findet sie problematisch: «Es interessiert mich Musik zu machen, die nicht mehr eindeutig Neue Musik ist.» Schmucki scheint mit jedem Stück zu ringen und sucht dabei nach neuen Ausdrucksformen. Seit kurzem bildet sie mit Petra Ronner die «band», ein Duo, bei dem sie mit Samplern Wortfetzen und Klangschnipsel live komponieren. Ein anderes Projekt von ihr sind «die sieben schweinsschwestern» mit Maria Gasche. In einer Art Briefwechsel schicken sich die beiden Künstlerinnen Informationen hin und her. Sie lassen Geschichten um «die sieben schweinsschwestern» entstehen, die manchmal sehr abstrakt sind und manchmal doch etwas Konkretes erzählen. Auch Bild-Collagen sind möglich. Auf diese Weise entsteht um die Kunstfiguren eine Welt, die sich im ständigen Wandel befindet. Doch wo bleibt da die Musik? Ich habe Annette Schmucki gefragt, ob sie nicht lieber einfach hätte Schriftstellerin werden sollen? Ihre Antwort darauf: «Ich wollte immer Welten erfinden und das geht vielleicht in der Musik am besten, weil sie so abstrakt ist. Ausserdem gefällt mir die Grenze zwischen Sprache und Musik sehr. Neue Musik ist nicht mehr in diesem harmonischen Gestus, sie transportiert Geschichten und ist sehr offen. Das ist die totale Chance.»

Überrascht über die Nominierung
Die Nominierung für den Schweizer Musikpreis kam für sie sehr überraschend. Sie sagt: «Ich arbeite an der Grenze, an dem, was es noch nicht gibt, was vielleicht möglich ist. Da bewege ich mich manchmal wochenlang in meiner Welt, in meiner Forschungsarbeit und bin nicht sicher, ob das was taugt oder ob das jetzt völlig abgefahren ist, was ich mache und überhaupt nicht mehr in einer Relation mit einem Publikum steht. Für so einen Preis nominiert zu sein tut deshalb gut, weil plötzlich eine Resonanz da ist - Okay, scheinbar werde ich gesehen. Anscheinend hat das ein Gewicht, eine Wirkung. Das finde ich schon sehr wichtig, wenn man sehr abseits vom Mainstream arbeitet.»

Kein Brotjob
In ihrer Rolle als Komponistin hat sie sich nie benachteiligt gefühlt oder den Eindruck erhalten, dass sie etwas anderes wäre als ihre männlichen Kollegen. Sie berichtet, dass es manchmal sogar Vorteile gäbe: «Ich war oft die einzige Frau, da war etwas besonderes. Mittlerweile hat es sich ein bisschen geändert. Sicher wird zuerst einmal die Qualität gefördert, aber mir scheint, dass man öfter auch mal eine Frau fördern wollte. Und da hatte ich eher Glück gegenüber den männlichen Komponisten und bekam vielleicht eher mal einen Preis oder einen Auftrag. Dazu kommt natürlich auch das Glück in der Schweiz zu sein.» Für Annette Schmucki war es von Beginn an wichtig, sich voll und ganz für den Künstlerberuf zu entscheiden. Einen Brotjob wollte sie, die mit ihren beiden Kindern im Berner Jura lebt, nicht annehmen. Dennoch, wenn sie heute jünger wäre, so sagt sie, «wäre ich sicher gern DJane geworden». Vielleicht ist es ja nicht zu spät.

 

Kurz-Vita
Annette Schmucki wurde 1968 geboren und studierte Komposition bei Cornelius Schwehr und bei Mathias Spahlinger in Freiburg im Breisgau. Renommierte Ensembles und Festivals gaben bei ihr Werke in Auftrag, wie das Archipel, Collegium Novum Zürich, Ensemble Contrechamps, Lucerne Festival, Ensemble Recherche, Staatsoper Berlin, Tage für Neue Musik Zürich, Usine Sonore, Neue Vocalsolisten Stuttgart, WDR, Wien Modern, Wittener Tage für Neue Kammermusik.

Projekte
www.blablabor.ch
www.bandpage.ch

Videos
Annette Schmucki - «Ein Tag» für Sopran und Klaviertrio
https://www.youtube.com/watch?v=m8P38jE9Pwg

Portrait Annette Schmucki von Hervé Falise
https://vimeo.com/60376068

Nächste Uraufführung
29. & 30.08.2015, Uraufführung von Annette Schmucki beim Festival Rümlingen
www.neue-musik-ruemlingen.ch

Neuste CD-Veröffentlichung «band eins – band»
deszpot #006 / Limitierte CD-Edition

Schweizer Musikpreis
www.schweizermusikpreis.ch